Endlich weg mit dem hierarchischen Denken in der Gesundheitsversorgung

WIA Chefredakteurin Eva-Maria Popp im Gespräch mit Andreas Westerfellhaus, Präsident des deutschen Pflegerats

Berlin, Altmoabit im Dezember.

Ich sitze im Vorzimmer des Büros von Andreas Westerfellhaus, dem Präsidenten des deutschen Pflegerates, das in Berlin Altmoabit, direkt an der Spree im Haus für Gesundheitsberufe liegt. Ich bin sehr gespannt darauf, was mich erwartet. Ein Mann, dessen Meinung zählt, wenn in Deutschland über neue Pflegegesetze und Strategien gegen den Fachkräftemangel in der Pflege diskutiert wird.

Ein Mann, den auch Regierende wie der Gesundheitsminister wie auch politisch verantwortliche in der Opposition nach seiner Meinung fragen. Ein Mann, den die Delegierten seines Berufsstandes vor zwei Jahren zum zweiten Mal zu ihrem Präsidenten gewählt haben.

Ich bin gespannt und auch ein bisschen ehrfürchtig. Wann trifft man schon einen Präsidenten.

Dann geht die Tür auf und vor mir steht ein Mann in den besten Jahren – genau gesagt 59 Jahre alt, wie ich später erfahre, eloquent und sympathisch. Kein bisschen Herrschermanier, sondern offen, freundlich, herzlich UND zielorientiert.

Ich bin erleichtert und unser Interview kann beginnen:

Andreas-WesterfellhausEva-Maria Popp:

Erst einmal vielen Dank dafür, dass Sie sich Zeit nehmen für dieses Gespräch. Die Leserinnen und Leser der WIA sind in der Hauptsache Senioren, aber auch Pflegekräfte und pflegende Angehörige. Sicher ist es für sie sehr interessant zu erfahren, was der „oberste deutsche Pfleger“ zu sagen hat, wenn es um die Verbesserung der Pflegesituation geht.

Andreas Westerfellhaus:

Das mache ich gerne. Als Präsident des deutschen Pflegerates gehört es zu meinen wichtigsten Aufgaben, die Anliegen der Pflege, sowohl meiner Berufskollegen, als auch der Menschen, die gepflegt werden und ihrer Angehörigen zu vertreten. Deshalb nehme ich gerne jede Gelegenheit wahr, auf die besonderen Probleme dieser Gruppen öffentlich hinzuweisen. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Pflege und das SCHNELL!

Eva-Maria Popp:

Zum Verständnis für unsere Leserinnen und Leser:

Was verbirgt sich hinter dem  deutschen Pflegerat? Welche Aufgaben hat er? Warum wurde er gegründet?

Andreas Westerfellhaus:

Es gab bis zur Gründung des deutschen Pflegerates vor inzwischen 17 Jahren viele verschiedene Berufsverbände, die sich im Bereich der beruflichen Bildung für die Pflege bewegen. Alle waren heterogen unterwegs und sind es noch. Dazu zählen konfessionelle gebundene Verbände, Generalisten- und Fachverbände, der Deutsche Hebammenverband und viele andere Vertreter von –  Pflegeberufen. Deren Mitglieder hatten zwar immer am Ende ein gemeinsames Interesse, aber sie hatten alle eine andere Vorgehensweise gewählt, um ihre Anliegen zu kommunizieren.

1998 hat man sich dazu entschlossen, sich zu einer übergeordneten Gemeinschaft zu verbinden, um die Energien zu bündeln und Synergien zu gewinnen. Das erhöht die Schlagkraft erheblich. So können politische Zielsetzungen durchgesetzt werden, zum Wohle aller Beteiligten.

Im Moment sind im Deutschen Pflegerat 16 Mitgliedsverbände zusammengeschlossen. Über diesen Zusammenschluss sind sie bundesweit organisiert und haben endlich eine eigene und einheitliche Berufsvertretung.

Diese Verbände entsenden 2 Delegierte. Die Gemeinschaft der Delegierten wiederum wählt für 4 Jahre ein Präsidium, dessen Aufgabe es ist, die politische Zielsetzung, welche die Gemeinschaft vorher erarbeitet, zu kommunizieren. Ich selbst war erst 6 Jahre Vizepräsident und bin nun seit 6 Jahren Präsident des Deutschen Pflegerates.

Eva-Maria Popp:

Was sind konkret die Aufgaben des Pflegerates?

Andreas Westerfellhaus:

In Berlin werden meine Kollegen und ich bei Gesetzgebungsanhörungen hinzugezogen. Dabei tragen wir zur Meinungsbildung der Parlamentarier bei, aber auch zur Veränderung von Gesetzesvorlagen und Verordnungen. Wir beraten und geben unsere Stellungnahmen ab.

Eine Anhörung dauert in der Regel 2-3 Stunden. Die Parlamentarier hören unsere Meinungen, Stellungnahmen und Empfehlungen an und alles, was gesprochen wird, wird protokolliert. Im Idealfall werden unsere Empfehlungen in die Gesetzesentwürfe eingebaut, oder führen zu Ergänzungen und Veränderungen.

Bevor das Gesetz in die parlamentarische Anhörung geht, erwarten wir von unseren Verbänden, dass sie sich damit beschäftigen. Das garantiert, dass sich die Erfahrungen der Basis und somit der Praktiker in den Gesetzen wiederspiegeln.

Unsere Aufgabe und somit auch meine ist es, unsere politische Meinung zu Pflegethemen und Pflegebedarf politisch weiterzuentwickeln. Wir versuchen die unterschiedlichen Interessen im Themenfeld Pflege, im Bereich , des Ehrenamts und der professionellen Pflegeverbände zu bündeln.

Manchmal erstaunt es mich, mit welcher Geschwindigkeit wir die Diskussionen führen. Erfreulich ist, dass das Thema Pflege zum ersten Mal in dieser Legislaturperiode  ernst genommen wird und auch schon wesentliche Veränderungen durchgeführt wurden.

Eva-Maria Popp:

Gibt es Themen, die Sie mit Nachdruck verfolgen und die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Andreas Westerfellhaus:

Ja, die gibt es sehr wohl.

Mein Hauptanliegen ist es, dass im medizinischen Bereich die Hierarchien aufgebrochen werden:

Ärzte auf der einen Seite und das Pflegepersonal auf der anderen Seite müssen auf einer Ebene, auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Das ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass die Pflegeberufe aufgewertet werden und wir den eklatanten Fachkräftemangel in den Griff bekommen.

Die Gesellschaft muss  Druck machen. Die jetzige Bundesregierung hat bereits zwei Pflegestärkungsgesetze erbracht. Das ist gut. Allerdings wird das Thema des Fachkräftemangels so gut wie ausgespart. Dabei haben wir ein riesiges demographisches Problem, das schon bei den Schulabgängern beginnt. Jeder 5. Schulabgänger müsste in 15 Jahren in die Pflege gehen, weil uns im Jahr 2030 bis zu  500.000 Pflegefachkräfte fehlen werden. Diese Vorstellung scheint die Politik eher zu lähmen, als dass vernünftige Strategien entwickelt würden.

In der Folge entstehen skurrile Vorschläge, wie beim Zusammenbruch des Schleckerkonzerns. Die damalige Arbeitsministerin von der Leyen propagierte, dass die Schleckerfrauen in die Pflege gehen sollten.

Ein anderer Minister war der Meinung, dass leicht Straffällige ihre Strafe in Form von Arbeit in der Pflege ableisten sollten.

Im Moment haben wir die Flüchtlingsdebatte. Natürlich werden wir junge Flüchtlinge, die gerne in der Pflege arbeiten, in die Ausbildung aufnehmen, wenn sie das wollen.

Allerdings können wir nicht 500.000 fehlende Fachkräfte mit Flüchtlingen abdecken. Das sind Beruhigungspillen, mit denen die Politik arbeitet.

In deutschen Krankenhäusern haben in den letzten Jahren 50.000 Pflegefachkräfte ihre Stellung an den Nagel gehängt, oder haben in den Teilzeitmodus gewechselt, weil die Rahmenbedingungen so schlecht sind. Die Pflegenden  wollen mehr Kollegen und erst6 an 2. Stelle auch eine bessere tarifliche Bezahlung. Wir müssen die Rahmenbedingungen ändern, dann können wir Menschen, die jetzt in Teilzeit sind oder ganz aufgehört haben in der Pflege zu arbeiten, wieder aufbauen.

Wir brauchen neue Berufsgesetze, mit neuen Rahmenbedingungen für die Ausbildung und ein Studium. Alles, was man für einen hochprofessionellen Beruf zur Weiterentwicklung eben braucht – dafür kämpfe ich!

Eine wichtige Stellschraube ist die Qualifikation. Bildung, Bildung und wieder Bildung ist wichtig,

damit diese Berufsgruppe auf Augenhöhe arbeiten kann.

Eva-Maria Popp:

Ihre Amtszeit als Präsident dauert noch 2 Jahre. Welches Ziel möchten sie in dieser Zeit erreichen?

Andreas Westerfellhaus:

Ich setze mich für die Errichtung von Landespflegekammern sowie einer Bundespflegekammer ein. Ich bin ein Verfechter dieser Form der Selbstverwaltung. Ich halte das für den entscheidenden Schlüssel. Dann können die Professionen selbst ihre Professionalisierung in die Hand nehmen.

Die Politik ist in einigen Ländern  wohl noch nicht damit einverstanden und  zögert. Im Moment gibt es eine Pflegekammer auf Landesebene bereits in Rheinland Pfalz und Schleswig Holstein. Weitere  Bundesländer warten diese Entwicklungen zunächst ab. Bayern möchte eine Sonderregelung einführen. Langfristiges Ziel muss sein, Pflegekammern in allen Bundesländern zu errichten.

Wenn wir ein Kammersystem auch in der Pflege hätten, dann würde das für Transparenz sorgen. Alle Pflegekräfte wären erfasst mit Alter und Qualifikationsstatus. Damit könnte man sich einen Überblick verschaffen und entsprechende strategische Maßnahmen ableiten.

Ärzte und Apotheker sind über die Kammern erfasst, das schützt und schafft Transparenz. Die größte Berufsgruppeim Gesundheitswesen, nämlich die Pflege,  jedoch hat keine Kammer- das kann und darf nicht sein. Da liefere ich mir einen „Schlagabtausch“ mit manchen Ministerien und einigen Arbeitgeberverbänden.

Eva-Maria Popp:

Macht Ihnen Ihre Arbeit Freude?

Andreas Westerfellhaus:

Insgesamt gesehen macht mir mein Amt großen Spaß. Ich glaube an den Erfolg, weil ich ein Optimist bin. Wenn ich einmal Pflege als Empfänger brauche, dann möchte ich JETZT dafür sorgen, dass es funktioniert – für alle Menschen dieser Gesellschaft. Deshalb lohnt sich diese  Arbeit, denn Pflege geht uns alle an – früher oder später.

Ich erzähle Ihnen ein Beispiel meiner Arbeit:

Heute Morgen ruft mich ein Professor an, der für ein  Ministerium arbeitet.

„Wir haben eine große Veranstaltung zum Thema Telemedizin. Wir brauchen Sie und die Diskussion“.

Meine Antwort lautet nach Kontrolle des Terminkalenders, ja ich komme: denn unsere Berufsgruppe braucht ein Gesicht nach außen, das ich gerne bin.

Die Rückmeldungen meiner Berufsgruppe zu Entwicklungen initiiert aus dem Deutschen Pflegerat sind positiv. Wir müssen die Scheu ablegen, uns mit den „Großkopferten“ dieser Welt anzulegen. Die Pflege muss ihre eigenen Anliegen selbstbewusst vertreten.

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