Es lebe der Zentralfriedhof „und olle seine Todn“

Der große österreichische Sänger Wolfgang Ambros hat mit oben genanntem Titel einen seiner größten Erfolge gefeiert und den Nagel bei den Wienerinnen und Wienern auf den Kopf getroffen.

Sie lieben den morbiden Charme und drücken dies zu gern aus in Musik einschließlich der melancholischen Heurigenlieder, in der bildenden Kunst, in der Literatur und eben mit dem Zentralfriedhof als geschlossenes Kunst- und Kulturobjekt, das es in dieser Klasse nur in Wien gibt.

Deshalb gehört ein Besuch auf dem Zentralfriedhof auf alle Fälle zu einem Kulturprogramm in Wien.

Seit 1874 wird hier getrauert und geweint aber auch die Ehre erwiesen über den Tod hinaus. Deshalb dient der Friedhof durchaus als kleiner Kulturführer der österreichischen Geschichte und Kultur.

Die Liste der Prominenten aus Kunst und Kultur, Politik und Geschichte, Wirtschaft und Geldadel, die auf dem Zentralfriedhof begraben sind, liest sich wie das who is who sowohl der K&K Monarchie, als auch der Republik Österreich.

Curd Jürgens und Hans Moser, Bruno Kreisky und Helmut Zilk, Beethoven und Udo Jürgens, alle liegen sie hier in einem Ehrengrab der Stadt Wien und mit ihnen 1000 weitere Berühmtheiten.

Wie schon oben beschrieben ist der Wiener bekannt für seine besondere Beziehung mit dem Tod. Er mag er ihn irgendwie, den Tod und fühlt sich ihm verwandt. Auch die Ehrung der Toten ist ein Teil des Wiener Rituals. So kommt es, dass tausende von Wienern regelmäßig auf ihren geliebten Zentralfriedhof strömen, um den Geehrten einen Besuch abzustatten.

Auch Mozart und Falco treffen sich hier und liegen treu vereint in Simmeringer Erde, so wie sie auch zu Lebzeiten über ihre Musik verbunden waren.

Ein Spaziergang über den Zentralfriedhof ist auf alle Fälle ein außergewöhnlicher Kunstgenuss. Die Grabsteine und Monumente sind wahre Wunder der Architektur und bildenden Künste.

Viele wissenswerte Details, die es über den Zentralfriedhof zu erzählen gibt sind eng mit der Geschichte des ehemaligen Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn verbunden.

So war der Zentralfriedhof schon von je her religionsübergreifend angelegt, gehörten doch sowohl muslimische Bürger und viele Juden zum großen K&K Völkermix. Schon immer haben Wiener Bürger ihren Leichnam der Anatomie zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt. Auch dafür ist der Zentralfriedhof mit seiner Anatomieabteilung gerüstet.

Besonders die Zeit nach dem 1 Weltkrieg war in Wien berühmt unter dem Begriff des Roten Wiens. Viele gesellschaftliche Neuerungen und künstlerische Richtungen nahmen im Roten Wien ihren Anfang. Dazu gehört auch die Feuerbestattung, die damals in den 20 er Jahren im christlich geprägten Europa noch ein Skandal war. In einem großen Gerichtsstreit mit den Vertretern der katholischen Kirche endete der Bau des ersten Krematoriums, das  17. Dezember 1922  in Simmering, gegenüber dem Friedhof eröffnet wurde. Ungeachtet eines gerichtlichen Verbots blieb es trotzdem in Betrieb! Typisch für das Wiener Gemüt. Erst im Oktober 1964 erteilte der Vatikan die Zustimmung für Feuerbestattungen.

Auch die Zeit des Nationalsozialismus hat deutliche Spuren auf dem Gelände des Zentralfriedhofs hinterlassen. Während der Reichspogromnacht am  9. November 1938 wurden zahlreiche Grabstätten und die Zeremonienhalle auf dem Gelände des israelitischen Teils des Zentralfriedhofs zerstört.

Seit 1999 steht der „Park der Ruhe und Kraft“ der Wiener Bevölkerung zur Verfügung. Dieser besonders attraktiv gestaltete Teil des Friedhofs hält viele Möglichkeiten zur körperlich, geistigen Entspannung und Besinnung bereit und wird von den Wienern sehr gerne genutzt. Ein weiteres Zeugnis, dass die Wiener begeisterte Friedhofsgänger sind und ein besonders entspanntes Verhältnis zum Thema Tod haben. Es würde vielen anderen Menschen gut zu Gesicht stehen, sich davon eine gehörige Scheibe abzuschneiden.

Am Rande:

Für viele gefährdete Tierarten wie Turmfalke, Feldhamster, Fledermäuse, Neuntöter, Feldhase usw. ist der Friedhof ein unschätzbares Biotop. Spezielle Schutzprogramme auf dem Gelände fördern die bedrohten Arten, welche über all sonst schon selten geworden sind.

Mein Fazit:

Ein Besuch auf dem Zentralfriedhof ist ein absolutes MUSS, wenn man das wahre, das echte Wien erleben möchte.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Schlendern über den Zentralfriedhof.

Ihre Eva-Maria Popp

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