Reisen, Kunst- und Kulturgenuss mit Handicap

Ein Praxistest im Deutschen Theater in München von Stefanie Eder und Eva-Maria Popp

Reisen und Kulturgenuss sind seit den 50er Jahren für viele Menschen in Deutschland untrennbar verbunden mit dem Begriff Lebensqualität.  Die Wirtschaftswunderjahre waren damals geprägt von Strandurlauben in Bella Italia und Mallorca. Seit den 70ger Jahren bereitet es den Deutschen ein großes Vergnügen eine Städtereise im eigenen Land, verbunden mit einem Musicalbesuch zu unternehmen. Hamburg, Köln, Stuttgart und auch München haben sich zu begehrten Musicalstädten entwickelt.

Nun ist die Wirtschaftswundergeneration in die Jahre gekommen, die Lust am Reisen und auf Kultur ist geblieben. Da viele Senioren im Laufe eines langen Lebens deutlich an Mobilität einbüßen, stellt sich die Frage ob Reisen und Kulturgenuss trotz Handicap möglich sind.

Um eine ehrliche und kompetente Antwort auf diese Frage geben zu können, habe ich mich zusammen mit der erfahrene Rollstuhlfahrerin Stefanie Eder per Bahn auf den Weg ins Deutsche Theater nach München gemacht.

Lesen Sie hier unseren Praxistest:

Eva-Maria Popp:

Reisen mit Handicap ist in Deutschland immer noch eine Herausforderung. Was sind die größten Hürden, mit denen Sie während Ihrer Freizeitaktivitäten zu kämpfen haben?

Das Deutsche Theater München an der Schwanthalerstraße
Das Deutsche Theater München an der Schwanthalerstraße

Stefanie Eder:

Das Reisen mit dem Zug ist leider nicht ganz so einfach, wie sich das in den Werbeprospekten der Bahn liest. In der Theorie sind wir schon viel weiter, was die Mobilität anbelangt. Tatsache ist, dass ich meine Reisen spätestens einen Tage vor Abfahrt beim Mobiltätsservice der Bahn anmelden muss. Diese nehmen meine Daten auf und sorgen dafür, dass an allen Bahnhöfen, an denen ich einsteige oder umsteige Mobilitätsbegleiter der Bahn zur Verfügung stehen. Diese sind in der Regel sehr kompetent, souverän und vor allem höflich und zuvorkommend. Allerdings bleibt immer ein Restrisiko, dass man vergessen wird. Mir ist das schon einmal passiert, deshalb habe ich immer ein kleines Krummeln im Bauch vor einem Umstieg. Wenn die Mobilitätshilfe dann auch wirklich vor Ort ist, bin ich total erleichtert. Mein Tipp an die Senioren unter den Leser: Nutzen Sie diese Mobilitätshilfe! Die Damen und Herren helfen während eines Umstiegs mit dem Gepäck, haken Sie unter, wenn Sie mit Gehhilfen unterwegs sind und geben Unterstützung wo sie nötig ist. Insgesamt betrachtet ein sehr gutes Angebot.

Eva-Maria Popp:

Nun zum Deutschen Theater in München, das nach der letzten großen Sanierung als barrierefrei bezeichnet wird. Wie zufrieden sind Sie mit den Maßnahmen rund um den Umbau?

Stefanie Eder:

Das Theater ist super! Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass es wirklich komplett barrierefrei ist. Ich habe keine Mogelpackung entdeckt, wie das immer wieder einmal in anderen öffentlichen Gebäuden der Fall ist. Die Fahrstühle sind breit genug, es gibt keine Stolperfallen, die Türen öffnen sich automatisch. Alles ist hell erleuchtet. VORBILDLICH. Mein Rolliplatz am Balkon war einfach große Klasse. Ich hatte beste Sicht und wirklich keinerlei Einschränkungen.

Mein Tipp für Senioren: Kündigen Sie beim Kauf der Karten in einem Theater an, dass Sie ein Handicap haben! Dann erhalten Sie immer Sitzplätze, die dafür auch geeignet sind. Meistens ist der Eintrittspreis für Menschen mit Handicap deutlich niedriger oder auch frei. Eine Begleitperson ist meist eingerechnet im Kartenpreis.

Eva-Maria Popp:

Sie haben die aktuelle Produktion „Tanz der Vampire“ besucht. Wie hat Ihnen die Vorstellung gefallen?

Stefanie Eder:

Die Vorstellung war wunderschön. Schöne Stimmen und eine beeindruckende Kulisse, die sich als sehr verwandlungsfähig zeigte. Das Bühnenbild hat sich den ganzen Abend lang unglaublich schnell angepasst an das aktuelle Geschehen. Mich stört es immer, wenn so lange umgebaut wird. Das hatte man hier gar nicht. Die Handlung hat mich wirklich gefesselt und ich bin im Wintertraumland Transsylvaniens in meinen Gedanken und meiner Vorstellung komplett versunken.

Eine kleine Kritik habe ich. Meiner Meinung nach war der Ton an manchen Stellen etwas zu laut und hat sich immer wieder mal überschlagen, so dass man den Text manchmal nicht wirklich verstanden hat. Das war  sehr schade!

Eva-Maria Popp:

Vielen Dank Frau Eder, dass Sie sich Zeit genommen haben für diesen Check und danke für die Tipps. Ich hoffe, dass wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser mit diesem Faktencheck Mut machen konnten, das Leben auch im Alter und mit Handicap zu genießen. Reisen ist möglich, ebenso wie ein Theater- oder Musicalbesuch.

Übrigens: 

Das Musical „Tanz der Vampiere“ gastiert ab
Januar in Stuttgart – Auch eine schöne Stadt!

Den Mobilitätsservice der Bahn erreichen Sie unter  0180/6512512 täglich von 6.00 bis 22.00 Uhr oder hier.

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